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Aus dem Inhalt unseres Buches haben wir fünf Beiträge für Sie zusammengefasst. Insgesamt umfasst das Buch über dreissig Beiträge von führenden Expertinnen und Experten aus Praxis, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und NGOs.

Mit diesem Buch wollen wir zur Aufklärung und Bewusstseinsbildung zu den schwerwiegenden Problemen des Einsatzes von synthetischen Pestiziden beitragen. Wir hielten es für nötig, den von finanziellen Interessen geleiteten Propagandaaktionen der Agrochemieindustrie etwas entgegenzusetzen, insbesondere vor den Abstimmungen am 13. Juni in der Schweiz. Denn da geht
es um viel. An diesem denkwürdigen Tag werden die Schweizer Bürgerinnen und Bürger ja darüber abstimmen, ob synthetische Pestizide nach einer Übergangszeit von acht bzw. zehn
Jahren verboten werden.

Wir hoffen, dass das Buch bis dahin und auch später noch viel gelesen wird.

 

 

DrJohannGZaller 

UNSER TÄGLICH GIFT

Die vielfältigen nicht beabsichtigten
Auswirkungen der Pestizide

von Johann G. Zaller

 

 





Unser modernes Wissenschaftssystem mit seiner starken Zersplitterung in unterschiedliche, sehr komplexe Teildisziplinen hat einerseits unser Detailwissen von spezifischen Prozessen verbessert. Andererseits wurde dadurch aber auch der Blick auf die grossen Zusammenhänge verstellt. In diesem Buch wird anschaulich dargelegt, wie vielfältig die Einflüsse der synthetischen Pestizide sind.

Der Mensch ist zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren für biologische, geologische und atmosphärische Prozesse auf der Erde geworden – es wird diskutiert dieses Zeitalter demnach auch Anthropozän zu nennen. Folgt man der wissenschaftlichen Beurteilung der planetaren Grenzen, deren Einhaltung für den Fortbestand der menschlichen Spezies unabdingbar ist, so muss man erkennen, dass derzeit noch nicht abschätzbar ist, wie weitreichend der Einfluss der Pestizide auf das Ökosystem Erde  ist.

Es gibt weder über die eingesetzten Pestizidmengen, noch über deren Toxizität einheitliche systematische Erhebungen auf regionaler, nationaler oder globaler Ebene. Das heisst: Wir versprühen weltweit jedes Jahr Millionen an Tonnen von Pestiziden in der Umwelt, wissen aber im Grunde genommen nicht, in welchem Umfang dadurch das Ökosystem Erde und damit auch uns Menschen geschadet wird.

Neben den sonstigen Chemikalien, die wir in industriellen Prozessen verwenden, nehmen die Pestizide eine Sonderrolle ein, da sie in die freie Natur ausgebracht werden. Neben den vielfältigen nicht-beabsichtigten Auswirkungen auf verschiedene Lebewesen kommt es auch zu Wechselwirkungen mit anderen Stressoren wie Lichtverschmutzung, Mikroplastik, oder dem Klimawandel – die meisten dieser Aspekte sind  unzureichend untersucht.

Das, was bisher an Nebenwirkungen bekannt ist, macht allerdings besorgt. Immer mehr Studien weisen pestizid-induzierte Störungen von Ökosystemfunktionen nach, inklusive einer Förderung von pestizidresistenten Organismen und einer erhöhten Anfälligkeit von Kulturpflanzen für Pflanzenkrankheiten sowie einen allgemeinen, von Pestiziden mitverursachten Biodiversitätsrückgangs. 

 



 LarsNeumeister

DER WEG IN DIE ABHÄNGIKEIT

Eine kurze Geschichte der synthetischen Pestizide 

von Lars Neumeiste


 

 

 

 

Der Siegeszug der Agrochemie begann vor 180 Jahren. Als der Chemiker Justus Liebig 1840 sein Buch über die Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie veröffentlichte, wurde damit die «moderne» Form der Landwirtschaft begründet, die auf der Verwendung von synthetischen Pestiziden basiert. In diesem Landwirtschaftsverständnis wird darauf vertraut, dass die Betriebe alle Schädlingsprobleme mit Pestiziden lösen.

Die Züchtung schaut nur noch auf die Vermarktungsfähigkeit der Produkte. In manchen Anbausystemen ist die Abhängigkeit vom Ackergift so stark, dass ein plötzlicher Verzicht auf diese Stoffe die Betriebe vor Herausforderungen stellen würde, die ohne finanzielle Unterstützung nicht zu bewältigen wären. Fruchtfolge, Standortwahl und Sortenwahl spielen fast keine Rolle mehr.

Zahlreiche technische Entwicklungen brachten neue Verhältnisse hervor und ermöglichten auch den Welthandel mit Agrarprodukten, wodurch zahlreiche Schad-
erreger in andere Länder und Regionen verschleppt wurden.

Das führte zu grossen Herausforderungen, denen sich die Agrochemie stellte. So wurden über die Jahrzehnte viele unterschiedliche Wirkstoffe und Produkte entwickelt und auf den Markt gebracht.

Anfangs gab es noch keine Kontrollbehörden. Man ging davon aus, dass die massenhafte Ausbringung der chemischen Substanzen ungefährlich sei. Diese Form der Naivität war von Anfang an in der Politik weit verbreitet und sie setzt sich bis heute fort.

Die auftretenden Schäden vieler Wirkstoffe konnten nicht übersehen werden. Allerdings wurden die Schäden oft erst gesehen, nachdem die Stoffe viele Jahre auf dem Markt waren. In Deutschland zum Beispiel führte der jahrelange Arseneinsatz unter den Winzern zur «Kaiserstuhlkrankheit».    

So bleibt die Geschichte der Pestizide von Anfang bis heute eine Geschichte des staatlichen Versagens und auch einer unermesslichen Naivität.

  


ProfDrMitchell


DIE WELT VON SYNTHETISCHEN PESTIZIDEN BEFREIEN

Von pestizidbelastetem Honig und der Pflicht
der Wissenschaft, sich einzumische

Ein Gespräch mit Edward Mitchell

 

 

 

Mit verschiedenen Co-Autoren habe ich in der Zeitschrift Science eine Studie zur Kontamination von Honig durch fünf Neonikotinoide vorgestellt. Neonikotinoide sind Insektizide, die bis zu zehntausend Mal giftiger sind als DDT. Sie schädigen das Nervensystem der Insekten mit breitem Wirkungsspektrum. Die Studie beweist, dass achtundvierzig Prozent der Bienen mehr als einem Zehnmillionstel Gramm pro kg Körpergewicht ausgesetzt sind, was auf Dauer schädlich für sie ist. Das bedeutet, dass achtundvierzig Prozent der Bienen weltweit allein durch diese Wirkstoffklasse bedroht sind. Wie auch andere Bestäuber – Wildbienen, Hummeln, Schmetterlinge – und, weiter gefasst, alle nützlichen Insekten und die ganze Lebensmittelkette, bis zum Menschen.

In Nordamerika sind sechsundachtzig Prozent, in Asien achtzig Prozent, in Europa neunundsiebzig, in Südamerika siebenundfünfzig Prozent des Honigs mit diesen Stoffen belastet.

Das zeigt, dass es für Menschen und Tiere kaum möglich ist, mit diesen Stoffen nicht in Berührung zu kommen und, dass auch Bio der allgemeinen chemischen Verschmutzung nicht ausweichen kann. Mit den heute verfügbaren Daten zu den Neonikotinoiden ist klar, dass eine starke politische Reaktion erforderlich wäre. Ich setze mich insgesamt für ein Verbot von synthetischen Pestiziden ein, weil die Schäden und Gefahren einfach zu gross sind und es nachgewiesenermassen auch ohne geht. Ich habe aber den Eindruck, dass die politischen Instanzen und öffentliche Stellen sich immer noch in der Hauptsache für die Interessen der Industrie einsetzen, obwohl es ihre Aufgabe wäre, die öffentlichen Güter zu schützen.

 

 

UrsBrndli 

WIR BRAUCHEN EINE NEUE

LANDWIRTSCHAFT

 

von Urs Brändli

 

 

 

 

 

 

Eine auf Höchsterträge ausgerichtete Landwirtschaft wird der Bevölkerung keine langfristige Ernährungssicherheit bieten können. Wir beobachten seit Jahren, wie übernutzte Böden erodieren und sich in Wüsten verwandeln. Höchsterträge erfordern einen immer höheren Einsatz von synthetischen Pestiziden und Düngemitteln. Ein dauerhaftes «gegen die Natur» richtet sich schliesslich gegen uns selbst – denn wir sind auch Teil der Natur. Es zeigt sich immer deutlicher, dass die Pioniere des Biolandbaus recht hatten, als sie einen anderen Weg einschlugen.

Bisher entzieht sich die Politik der Verantwortung, Langzeitschäden an Natur und Umwelt zu verhindern. Somit liegt der wirksamste Hebel für einen nachhaltigen Wandel weiterhin in den Händen der KonsumentenInnen. Jeder ausgegebene Franken wirkt wie ein Stimmzettel, und jeder Griff ins Regal ist zugleich eine Bestellung. Denn das Regal wird mit dem gleichen Produkt, in derselben Qualität, von hinten wieder nachgefüllt.

Unsere Bäuerinnen und Bauern produzieren so, wie wir als Konsumierende einkaufen. Und dass sie bereit sind, auf ein verändertes Einkaufsverhalten zu reagieren, haben sie in den letzten Jahren in vielen Ländern weltweit bewiesen. In der Schweiz sogar sehr ausgeprägt! Während die Gesamtzahl an Landwirtschaftsbetrieben seit 2010 um über achttausend zurückgegangen ist, hat Bio im gleichen Zeitraum um über 1’600 Betriebe zugelegt. Immer mehr Bauern merken, dass sie von einer Umstellung auf Bio gleich zweimal profitieren. Sie erzielen mit ihrer Produktion eine bessere Wertschöpfung und erhalten gleichzeitig von der Bevölkerung mehr Wertschätzung. 

Leider sind Bioprodukte heute im Verkauf einem Wettbewerbsnachteil ausgesetzt. Denn würden die Schäden einer intensiven Landwirtschaft an Natur und Umwelt in den Lebensmittelpreisen abgebildet, wären die Preisunterschiede deutlich kleiner oder würden ganz verschwinden. Billiger im Laden bedeutet leider oft, teurer im Nachgang für die Gesellschaft. 

Der Trend zu einer nachhaltigen Land- und Ernährungswirtschaft wird von politischer Seite bis heute nur minim unterstützt. Mit gezielten Massnahmen wie öffentliche Gelder für öffentliche Güter, Internalisierung der externen Kosten und einer Förderung von ökologischen Lebensmitteln in Kantinen, Schulen und Heimen hätte die Politik viel Handlungsspielraum. Ergänzt mit einer stark ausgebauten Unterstützung von ökologischer Forschung und Züchtung, könnten sich Politik und Verwaltung endlich rühmen, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Eine enkelwürdige Land- und Ernährungswirtschaft wäre dann mehr als nur eine Floskel.

 

 

MartinOtt

 

ZURÜCK IN DIE GEGENWART

Es begann mit einem Volksentscheid
in der Schweiz. Ein historischer Rückblick
aus nicht allzu ferner Zukunft

 von Martin Ott

 

 

 

 

Am 1. August 2068 wurde der ökologische Weltrat in Taipeh aufgelöst. Er hatte seine Aufgabe erfüllt, die ihm angesichts der Klimakrise und der Coronakrise im Jahr 2025 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos übertragen wurde. Das WEF wurde allerdings ab diesem Jahr digital durchgeführt, um alle Flüge zu vermeiden. Einen wichtigen Anstoss gab ein Volksentscheid in der Schweiz im Jahr 2021, durch den der Einsatz synthetischer Pestizide verboten wurde. Damit verbunden kehrte eine enorme Vielfalt an Nutzpflanzen und Nutztieren auf die Höfe zurück. Der ökologische Weltrat setzte sich aus Personen zusammen, die vorher noch nie zusammengearbeitet hatten. Wissenschaftler unterschiedlicher Denkrichtungen arbeiteten mit Regierungsorganisationen und Nichtregierungsorganisationen sowie Vertretern indigener Völker zusammen. Überraschend war, dass viele Ökobauern damals in den ökologischen Weltrat gewählt wurden. Denn man erkannte, dass sie Erfahrung darin hatten, komplexe lebendige Systeme umzubauen. Diese Erfahrungen waren nicht nur für den globalen Umbau der Landwirtschaft nützlich, sondern auch für den längst überfälligen Umbau der komplexen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, einschliesslich der Finanzwirtschaft. Flüsse wie der Amazonas und der Mississippi hatten Interessenvertreter, ebenso Ozeane, Eisbären und Rhinozerosse. Es wurde in allen staatlichen Regelungen und Gesetzen ein neuer Standpunkt eingenommen: die konkreten Interessen des blauen Planeten Erde müssen berücksichtigt werden.

Der ökologische Weltrat schuf dann schnell regionale Beteiligungsmöglichkeiten und Organe, durch die auf unkomplizierte und effektive Weise innovative Reform-
ideen eingebracht, diskutiert und umgesetzt werden konnten. Die Ideen kamen aus der Wirtschaft, der Zivilgesellschaft, der Wissenschaft und aus der Politik. Ab 2025 setzte ein ungeahnter gesellschaftlicher Aufbruch ein, der bei Menschen und Tieren auf der Erde zu sehr viel mehr Lebensfreude und Gesundheit führte.