Warum wir den Boden unter unseren Füssen verlieren

Weltweit verlieren wir immer mehr fruchtbaren Boden.
Der Grund? Beziehungsprobleme!
Der „Blick“ im Gespräch mit Mathias Forster & Uli Hampl.

Stellen Sie sich vor, Sie wollen ein Gespräch über Ackerland führen. Ziehen gedanklich die Gummistiefel an, machen sich auf dreckige Hände gefasst. Ihr Gegenüber beginnt zu sprechen – und redet über Beziehungen. Da stehen Sie nun mit Ihren sauberen Gummistiefeln, fühlen sich leicht overdressed oder schlicht im falschen Film. Denn in Ihrem Kopf pocht eine Aussage von ETH-Professorin Adrienne Grêt-Regamey. Genauer ihr Fazit des Nationalen Forschungsprogramms über den Zustand unserer Böden. Grêt-Regamey sagte: «Die Zeit drängt. Unsere Analysen zeigen, dass der zeitliche Spielraum für den Schutz der heutigen Bodenqualität enorm eng ist.» Ihr Gesprächspartner aber spricht ohne Eile weiter über Beziehungen, sagt nun sogar: «Der Boden ermöglicht uns neue Erkenntnisse über uns selbst.»

Falls Ihnen das mal passiert, sprechen Sie mit Mathias Forster (48). Er ist Geschäftsführer der Bio-Stiftung Schweiz und Mitinitiator eines Bodenfruchtbarkeitsfonds. Und macht schnell klar: Es geht beim Acker nicht um Dreck. Es geht um mehr. Um alles, um uns alle. Weil der Boden die Grundlage allen Lebens ist. Wir verlieren diese Lebensgrundlage. Fast die Hälfte des fruchtbaren Bodens weltweit ist in den letzten 50 Jahren verschwunden. Der Grund? Und jetzt kommt es: «Beziehungsprobleme», sagt Forster.

Jahrtausendelang wussten die Menschen, dass sie vom Boden abhängig sind. Es war ein Geben und Nehmen. Boden zu bewahren, war zentral fürs Überleben. Wer nicht darauf achtete, musste sein Stück Land irgendwann verlassen, weil da nichts mehr wuchs. Fast alle Leute waren vor noch nicht allzu langer Zeit tagtäglich damit beschäftigt, dem Boden ihr Essen abzuringen, arbeiteten direkt oder indirekt in der Landwirtschaft. Heute sind es in der Schweiz nicht einmal mehr drei Prozent der Bevölkerung. Der Rest kann den Weltraum erkunden, Versicherungen verkaufen oder Influencerin sein und die Lebensmittel nach Feierabend bei Coop kaufen. So weit, so gut. Abhängig vom Boden sind wir trotzdem. Was wir essen, kommt daraus.

Entfremdet

Doch auch die Beziehung der Bauern und Bäuerinnen zum Boden hat sich verändert. «Mit dem Aufkommen der Maschinen haben sie die Lebenssphäre Boden aus den Augen und aus dem Herz verloren», sagt Forster. Heute sitze der Landwirt drei Meter über dem Boden in seinem klimatisierten Traktor. Er sehe von da oben weder, ob der Boden hart, weich, trocken oder feucht ist, noch sieht er die Regenwürmer.

Mit Folgen: Die EU vermeldet Ende Jahr, dass 60 bis 70 Prozent der Böden geschädigt sind. Die stetig zunehmende Verschlechterung der Böden kostet «mehrere zehn Milliarden Euro» pro Jahr. Die EU wie auch die Schweiz denken sich deshalb «Bodenstrategien» aus. Weil Boden in menschlichen Zeiträumen nicht erneuerbar ist, wie der Bund schreibt.

Belebt

Steigen wir nun aber hinab in ein dunkles, feuchtes Reich voller Wurzeln und Pilzgeflechte. Sympathieträger à la Pandabär gibt es dort nicht, skurrile Winzlinge tonnenweise. Hier ein Bärtierchen, da ein Wurzelfüsser, und dort hinten schlägt ein Springschwanz Saltos. In diesen knapp 30 Zentimeter fruchtbarer Erde, die unseren Planeten wie eine feine Haut überzieht, findet sich so viel Leben wie nirgendwo sonst auf diesem Planeten. Und all diese Viechli und Mikroorganismen sind Workaholics, mit einer einzigen Mission: Boden fruchtbar machen.

Doch eben, die Böden verlieren an Lebendigkeit, der fruchtbare Humus schwindet. An den Lebewesen da unten liegt es nicht. Die ackern immer weiter. Beziehungsprofi Mathias Forster weiss, wer sich zwischen Mensch und Boden gedrängt hat: industrielles Denken. Dabei sei es eine Frage des gesunden Menschenverstands zu begreifen, dass das tonnenweise Ausbringen von synthetischen und chemischen Mitteln auf die Äcker die Bodenlebewesen schädigen. Gemacht wird es trotzdem. Weil unsere industrielle Landwirtschaft gar nicht mehr anders kann. Durch die Monokulturen sei der Bauer abhängig geworden von chemischen und synthetischen Stoffen. «Die Gifte braucht es, damit diese unnatürliche Landwirtschaft in den natürlichen Naturzusammenhängen überhaupt überleben kann.» Die Natur schicke die Schädlinge ja gerade wegen der Monokulturen. «Sie will das Unnatürliche ausbalancieren.» Bedeutet: «Je mehr wir gegen das Wesen der Natur arbeiten, umso mehr Schädlinge kommen.» Die konventionelle Landwirtschaft sei deshalb ein einziger Kampf gegen die Natur. Doch man könne nicht gegen die Natur Krieg führen, ohne gleichzeitig gegen sich selbst Krieg zu führen. «Und sollten wir den Kampf gegen die Natur einst gewinnen, schaffen wir uns damit selbst ab.»

Verantwortung

Verdienen an Pestiziden und Kunstdünger tun die Agrarkonzerne. Einer davon ist Syngenta, mit Sitz in Basel. Umsatz 2020: 23,1 Milliarden US-Dollar. Wir fragen ganz direkt: «Tragen Sie eine Verantwortung für die weltweite Zerstörung von Ackerland?» Die Antwort kommt rasch: «Die Bodengesundheit steht für Syngenta immer im Vordergrund.» Und weiter: Man strebe durch Forschung und Entwicklung den grösstmöglichen Nutzen von Pflanzenschutzprodukten und die geringstmöglichen Rückstände in Nutzpflanzen und in der Umwelt an. «Die Forschungsanstrengungen in diesem Gebiet werden laufend vorangetrieben.»

Was zeigt: Syngenta investiert auch in PR.

Einer, der eine gute Beziehung zum Boden hat, ist Dr. Ulrich Hampl (61). Seit 36 Jahren ist er unterwegs in Sachen Bodenfruchtbarkeit. Der Diplomagraringenieur nennt sich Bodenexperte. Was bedeutet: Er ist oft auf dem Acker, und er kennt ihn. Schmerzen tut es Hampl, wenn er gerade in dieser Jahreszeit all die brachliegenden Äcker sieht. «Haben Sie so was in der Natur schon einmal gesehen, nackte Erde?» Die Bodenlebewesen brauchen doch Futter. Ein nackter Boden ist also etwa so wie ein leerer Teller. Nur wenn all die Mikroorganismen Nahrung haben, machen sie den Boden fruchtbar.

Die Aufgabe des Bauern ist also, optimale Bedingungen für den Boden zu schaffen, ihn zu ernähren. Dazu gehört, dass er ständig bedeckt ist und es eine vielfältige und sinnvolle Abfolge dessen gibt, was angepflanzt wird. «Landwirtschaft ohne Chemie ist eine hohe Kunst.»

Hampl weiss: Verlorener Humus lässt sich nur schwer wieder aufbauen, aber dem Boden zu mehr Lebendigkeit verhelfen, das geht. Er kann es sogar beweisen. Und zwar, indem er auf den Acker geht, eine Schaufel Erde rausholt und sie sich ansieht. Gut ist die Erde, wenn sie krümelig ist. Auf Schweizer Höfen, die er mit seinem Fachwissen unterstützt, ist diese krümelige Struktur innert drei Jahren von 10 auf 15 Zentimeter angewachsen. Hampl sagt deshalb: «Mit der Chemie machen wir unsere Böden langfristig kaputt und haben ein Risiko für die Welternährung. Ernährungssicherheit bedeutet: Weg von der Chemie.»

Mittlerweile ist das sogar beim Bund ankommen. Nachdem er mit seiner Landwirtschaftspolitik jahrzehntelang dazu beitrug, dass wir heute da sind, wo wir nun eben sind. In der Bodenstrategie 2020 hält er fest, dass durch Hilfsmittel in den letzten 50 Jahren massive Ertragssteigerungen erzielt werden. Darunter litten allerdings die Böden. Bisher konnte das durch «Dünger und Pestizide» kompensiert werden. Doch können die Bodenfunktionen nicht wieder hergestellt werden, «sind Beeinträchtigungen zu erwarten», die sich «künftig auch in Rückgängen der Ernteerträge niederschlagen können».

Nicht nur das: Kaputte Böden erodieren, sie können bei starkem Regen das Wasser nicht mehr aufnehmen – der Boden wird weggeschwemmt, und es kommt zu Überschwemmung. In Dürreperioden trocknet er so stark aus, dass er davongeweht wird. Die Zerstörung der Böden hat ausserdem Unmengen an CO2 freigesetzt. Das ist nun in der Luft und trägt zum Klimawandel bei. Und der wiederum setzt den angeschlagenen Böden noch mehr zu.

Beziehungsaufbau

Lauter Probleme also. Forster ist sich dessen schon seit vielen Jahren bewusst. Wahrscheinlich deshalb wirkt er trotz der ungemütlichen Aussichten gelassen und spricht beharrlich weiter von der Bedeutung der Beziehung. Wohl weil für ihn dort die Lösung liegt. «Die Bauern müssen wieder eine lebendige Beziehung zum Boden aufbauen und Schritt für Schritt lernen, was verändert werden muss, um dieser sensiblen Lebenssphäre gerecht zu werden.» Motor für diesen Beziehungsaufbau zwischen Boden und Bauer sei übrigens meist die Bäuerin. «In mehr als 80 Prozent der Fälle ist es die Frau, die auf dem Hof die Umstellung auf biologische Landwirtschaft anregt.»

Auch Forster hat konkret begonnen, an der Lösung zu arbeiten, indem er den Bauern die Hand reicht. Mit dem Wunsch, dass daraus Veränderung für Mensch und Boden wächst. Er ist Mitinitiator des Bodenfruchtbarkeitsfonds. Höfe, die ihre Böden für zukünftige Generationen erhalten wollen, bekommen finanzielle Unterstützung und Fachwissen, um die Fruchtbarkeit des Bodens wieder zu steigern. 13 Höfe sind in der Schweiz aktuell dabei. Während in den Landwirtschaftschulen Produktenamen von Pestiziden notenrelevant abgefragt werden, probieren die Bauern auf ihren Höfen aus, wie eine natürliche Landwirtschaft funktioniert, die uns Menschen ganz ohne Chemie ernähren kann. Dabei werde die Beziehung zum Boden automatisch lebendig.

Wissensaufbau

Ein wichtiger Bestandteil des Bodenfruchtbarkeitsfonds ist ausserdem der Austausch der Bauern untereinander. Denn wer ohne chemische und synthetische Hilfsmittel auf dem Acker arbeitet, braucht viel Wissen über die natürlichen Zusammenhänge. Ein Wissen, das sich biologische Landwirte in den letzten Jahrzehnten angeeignet haben, das aber von der Mehrheit der Bauern noch immer belächelt wird. Dabei sieht nun sogar die EU – zumindest auf dem Papier – den Schlüssel für die Rettung der Böden in einer biologischen Landwirtschaft.

Einmal im Jahr gibt es auf den Höfen Bodentage, an denen die Bevölkerung den Boden erfahren kann. Mit dabei auch Ulrich Hampl. Denn der findet: Die Verantwortung für fruchtbare Böden kann man nicht einfach auf die Bauern schieben. Böden seien eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. «Wir alle müssen die Bauern darin unterstützen, sie fruchtbar zu erhalten.»
Selbsterkenntnis

Doch wo genau liegt nun beim Boden die Erkenntnis über uns selber, die Forster ganz zu Beginn versprochen hat? «In der Unterkrume», sagt er. Also in dem Teil des Bodens, den wir nicht sehen können. Dort liege das grösste Potenzial jedes Bodens. Nur wenn es da locker ist, könne das Bodenleben in Symbiose mit den Pflanzen ihr Potenzial erschliessen. Genauso sei es beim Menschen. «Der grösste Teil des menschlichen Potenzials liegt im Verborgenen.» Erst wer an diesem Teil arbeitet und dort lockert, quasi in der Unterkrume der menschlichen Seele, könne Schritt für Schritt sein volles Potenzial erschliessen.

Autorin: Aline Wüst, „Blick“. Zum Artikel

Wir freuen uns, wenn Sie diesen Beitrag mit Ihrem Netzwerk teilen!

Warum wir den Boden unter unseren Füssen verlieren

Weltweit verlieren wir immer mehr fruchtbaren Boden.
Der Grund? Beziehungsprobleme!
Der „Blick“ im Gespräch mit Mathias Forster & Uli Hampl.

Stellen Sie sich vor, Sie wollen ein Gespräch über Ackerland führen. Ziehen gedanklich die Gummistiefel an, machen sich auf dreckige Hände gefasst. Ihr Gegenüber beginnt zu sprechen – und redet über Beziehungen. Da stehen Sie nun mit Ihren sauberen Gummistiefeln, fühlen sich leicht overdressed oder schlicht im falschen Film. Denn in Ihrem Kopf pocht eine Aussage von ETH-Professorin Adrienne Grêt-Regamey. Genauer ihr Fazit des Nationalen Forschungsprogramms über den Zustand unserer Böden. Grêt-Regamey sagte: «Die Zeit drängt. Unsere Analysen zeigen, dass der zeitliche Spielraum für den Schutz der heutigen Bodenqualität enorm eng ist.» Ihr Gesprächspartner aber spricht ohne Eile weiter über Beziehungen, sagt nun sogar: «Der Boden ermöglicht uns neue Erkenntnisse über uns selbst.»

Falls Ihnen das mal passiert, sprechen Sie mit Mathias Forster (48). Er ist Geschäftsführer der Bio-Stiftung Schweiz und Mitinitiator eines Bodenfruchtbarkeitsfonds. Und macht schnell klar: Es geht beim Acker nicht um Dreck. Es geht um mehr. Um alles, um uns alle. Weil der Boden die Grundlage allen Lebens ist. Wir verlieren diese Lebensgrundlage. Fast die Hälfte des fruchtbaren Bodens weltweit ist in den letzten 50 Jahren verschwunden. Der Grund? Und jetzt kommt es: «Beziehungsprobleme», sagt Forster.

Jahrtausendelang wussten die Menschen, dass sie vom Boden abhängig sind. Es war ein Geben und Nehmen. Boden zu bewahren, war zentral fürs Überleben. Wer nicht darauf achtete, musste sein Stück Land irgendwann verlassen, weil da nichts mehr wuchs. Fast alle Leute waren vor noch nicht allzu langer Zeit tagtäglich damit beschäftigt, dem Boden ihr Essen abzuringen, arbeiteten direkt oder indirekt in der Landwirtschaft. Heute sind es in der Schweiz nicht einmal mehr drei Prozent der Bevölkerung. Der Rest kann den Weltraum erkunden, Versicherungen verkaufen oder Influencerin sein und die Lebensmittel nach Feierabend bei Coop kaufen. So weit, so gut. Abhängig vom Boden sind wir trotzdem. Was wir essen, kommt daraus.

Entfremdet

Doch auch die Beziehung der Bauern und Bäuerinnen zum Boden hat sich verändert. «Mit dem Aufkommen der Maschinen haben sie die Lebenssphäre Boden aus den Augen und aus dem Herz verloren», sagt Forster. Heute sitze der Landwirt drei Meter über dem Boden in seinem klimatisierten Traktor. Er sehe von da oben weder, ob der Boden hart, weich, trocken oder feucht ist, noch sieht er die Regenwürmer.

Mit Folgen: Die EU vermeldet Ende Jahr, dass 60 bis 70 Prozent der Böden geschädigt sind. Die stetig zunehmende Verschlechterung der Böden kostet «mehrere zehn Milliarden Euro» pro Jahr. Die EU wie auch die Schweiz denken sich deshalb «Bodenstrategien» aus. Weil Boden in menschlichen Zeiträumen nicht erneuerbar ist, wie der Bund schreibt.

Belebt

Steigen wir nun aber hinab in ein dunkles, feuchtes Reich voller Wurzeln und Pilzgeflechte. Sympathieträger à la Pandabär gibt es dort nicht, skurrile Winzlinge tonnenweise. Hier ein Bärtierchen, da ein Wurzelfüsser, und dort hinten schlägt ein Springschwanz Saltos. In diesen knapp 30 Zentimeter fruchtbarer Erde, die unseren Planeten wie eine feine Haut überzieht, findet sich so viel Leben wie nirgendwo sonst auf diesem Planeten. Und all diese Viechli und Mikroorganismen sind Workaholics, mit einer einzigen Mission: Boden fruchtbar machen.

Doch eben, die Böden verlieren an Lebendigkeit, der fruchtbare Humus schwindet. An den Lebewesen da unten liegt es nicht. Die ackern immer weiter. Beziehungsprofi Mathias Forster weiss, wer sich zwischen Mensch und Boden gedrängt hat: industrielles Denken. Dabei sei es eine Frage des gesunden Menschenverstands zu begreifen, dass das tonnenweise Ausbringen von synthetischen und chemischen Mitteln auf die Äcker die Bodenlebewesen schädigen. Gemacht wird es trotzdem. Weil unsere industrielle Landwirtschaft gar nicht mehr anders kann. Durch die Monokulturen sei der Bauer abhängig geworden von chemischen und synthetischen Stoffen. «Die Gifte braucht es, damit diese unnatürliche Landwirtschaft in den natürlichen Naturzusammenhängen überhaupt überleben kann.» Die Natur schicke die Schädlinge ja gerade wegen der Monokulturen. «Sie will das Unnatürliche ausbalancieren.» Bedeutet: «Je mehr wir gegen das Wesen der Natur arbeiten, umso mehr Schädlinge kommen.» Die konventionelle Landwirtschaft sei deshalb ein einziger Kampf gegen die Natur. Doch man könne nicht gegen die Natur Krieg führen, ohne gleichzeitig gegen sich selbst Krieg zu führen. «Und sollten wir den Kampf gegen die Natur einst gewinnen, schaffen wir uns damit selbst ab.»

Verantwortung

Verdienen an Pestiziden und Kunstdünger tun die Agrarkonzerne. Einer davon ist Syngenta, mit Sitz in Basel. Umsatz 2020: 23,1 Milliarden US-Dollar. Wir fragen ganz direkt: «Tragen Sie eine Verantwortung für die weltweite Zerstörung von Ackerland?» Die Antwort kommt rasch: «Die Bodengesundheit steht für Syngenta immer im Vordergrund.» Und weiter: Man strebe durch Forschung und Entwicklung den grösstmöglichen Nutzen von Pflanzenschutzprodukten und die geringstmöglichen Rückstände in Nutzpflanzen und in der Umwelt an. «Die Forschungsanstrengungen in diesem Gebiet werden laufend vorangetrieben.»

Was zeigt: Syngenta investiert auch in PR.

Einer, der eine gute Beziehung zum Boden hat, ist Dr. Ulrich Hampl (61). Seit 36 Jahren ist er unterwegs in Sachen Bodenfruchtbarkeit. Der Diplomagraringenieur nennt sich Bodenexperte. Was bedeutet: Er ist oft auf dem Acker, und er kennt ihn. Schmerzen tut es Hampl, wenn er gerade in dieser Jahreszeit all die brachliegenden Äcker sieht. «Haben Sie so was in der Natur schon einmal gesehen, nackte Erde?» Die Bodenlebewesen brauchen doch Futter. Ein nackter Boden ist also etwa so wie ein leerer Teller. Nur wenn all die Mikroorganismen Nahrung haben, machen sie den Boden fruchtbar.

Die Aufgabe des Bauern ist also, optimale Bedingungen für den Boden zu schaffen, ihn zu ernähren. Dazu gehört, dass er ständig bedeckt ist und es eine vielfältige und sinnvolle Abfolge dessen gibt, was angepflanzt wird. «Landwirtschaft ohne Chemie ist eine hohe Kunst.»

Hampl weiss: Verlorener Humus lässt sich nur schwer wieder aufbauen, aber dem Boden zu mehr Lebendigkeit verhelfen, das geht. Er kann es sogar beweisen. Und zwar, indem er auf den Acker geht, eine Schaufel Erde rausholt und sie sich ansieht. Gut ist die Erde, wenn sie krümelig ist. Auf Schweizer Höfen, die er mit seinem Fachwissen unterstützt, ist diese krümelige Struktur innert drei Jahren von 10 auf 15 Zentimeter angewachsen. Hampl sagt deshalb: «Mit der Chemie machen wir unsere Böden langfristig kaputt und haben ein Risiko für die Welternährung. Ernährungssicherheit bedeutet: Weg von der Chemie.»

Mittlerweile ist das sogar beim Bund ankommen. Nachdem er mit seiner Landwirtschaftspolitik jahrzehntelang dazu beitrug, dass wir heute da sind, wo wir nun eben sind. In der Bodenstrategie 2020 hält er fest, dass durch Hilfsmittel in den letzten 50 Jahren massive Ertragssteigerungen erzielt werden. Darunter litten allerdings die Böden. Bisher konnte das durch «Dünger und Pestizide» kompensiert werden. Doch können die Bodenfunktionen nicht wieder hergestellt werden, «sind Beeinträchtigungen zu erwarten», die sich «künftig auch in Rückgängen der Ernteerträge niederschlagen können».

Nicht nur das: Kaputte Böden erodieren, sie können bei starkem Regen das Wasser nicht mehr aufnehmen – der Boden wird weggeschwemmt, und es kommt zu Überschwemmung. In Dürreperioden trocknet er so stark aus, dass er davongeweht wird. Die Zerstörung der Böden hat ausserdem Unmengen an CO2 freigesetzt. Das ist nun in der Luft und trägt zum Klimawandel bei. Und der wiederum setzt den angeschlagenen Böden noch mehr zu.

Beziehungsaufbau

Lauter Probleme also. Forster ist sich dessen schon seit vielen Jahren bewusst. Wahrscheinlich deshalb wirkt er trotz der ungemütlichen Aussichten gelassen und spricht beharrlich weiter von der Bedeutung der Beziehung. Wohl weil für ihn dort die Lösung liegt. «Die Bauern müssen wieder eine lebendige Beziehung zum Boden aufbauen und Schritt für Schritt lernen, was verändert werden muss, um dieser sensiblen Lebenssphäre gerecht zu werden.» Motor für diesen Beziehungsaufbau zwischen Boden und Bauer sei übrigens meist die Bäuerin. «In mehr als 80 Prozent der Fälle ist es die Frau, die auf dem Hof die Umstellung auf biologische Landwirtschaft anregt.»

Auch Forster hat konkret begonnen, an der Lösung zu arbeiten, indem er den Bauern die Hand reicht. Mit dem Wunsch, dass daraus Veränderung für Mensch und Boden wächst. Er ist Mitinitiator des Bodenfruchtbarkeitsfonds. Höfe, die ihre Böden für zukünftige Generationen erhalten wollen, bekommen finanzielle Unterstützung und Fachwissen, um die Fruchtbarkeit des Bodens wieder zu steigern. 13 Höfe sind in der Schweiz aktuell dabei. Während in den Landwirtschaftschulen Produktenamen von Pestiziden notenrelevant abgefragt werden, probieren die Bauern auf ihren Höfen aus, wie eine natürliche Landwirtschaft funktioniert, die uns Menschen ganz ohne Chemie ernähren kann. Dabei werde die Beziehung zum Boden automatisch lebendig.

Wissensaufbau

Ein wichtiger Bestandteil des Bodenfruchtbarkeitsfonds ist ausserdem der Austausch der Bauern untereinander. Denn wer ohne chemische und synthetische Hilfsmittel auf dem Acker arbeitet, braucht viel Wissen über die natürlichen Zusammenhänge. Ein Wissen, das sich biologische Landwirte in den letzten Jahrzehnten angeeignet haben, das aber von der Mehrheit der Bauern noch immer belächelt wird. Dabei sieht nun sogar die EU – zumindest auf dem Papier – den Schlüssel für die Rettung der Böden in einer biologischen Landwirtschaft.

Einmal im Jahr gibt es auf den Höfen Bodentage, an denen die Bevölkerung den Boden erfahren kann. Mit dabei auch Ulrich Hampl. Denn der findet: Die Verantwortung für fruchtbare Böden kann man nicht einfach auf die Bauern schieben. Böden seien eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. «Wir alle müssen die Bauern darin unterstützen, sie fruchtbar zu erhalten.»
Selbsterkenntnis

Doch wo genau liegt nun beim Boden die Erkenntnis über uns selber, die Forster ganz zu Beginn versprochen hat? «In der Unterkrume», sagt er. Also in dem Teil des Bodens, den wir nicht sehen können. Dort liege das grösste Potenzial jedes Bodens. Nur wenn es da locker ist, könne das Bodenleben in Symbiose mit den Pflanzen ihr Potenzial erschliessen. Genauso sei es beim Menschen. «Der grösste Teil des menschlichen Potenzials liegt im Verborgenen.» Erst wer an diesem Teil arbeitet und dort lockert, quasi in der Unterkrume der menschlichen Seele, könne Schritt für Schritt sein volles Potenzial erschliessen.

Autorin: Aline Wüst, „Blick“. Zum Artikel

Wir freuen uns, wenn Sie diesen Beitrag mit Ihrem Netzwerk teilen!