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Regenwürmer sind wahre Multitalente und können uns nicht nur viel Arbeit (z.B. Bodenbearbeitung) abnehmen, sondern sorgen für ein ungestörtes, gesundes Pflanzenwachstum.

 «Der Regenwurm ist immer der Gärtner», ein Buch von Amy Stewart, oder das Kinderlied «Hört ihr


die Regenwürmer husten», das Regenwurmmanifest, herausgegeben vom WWF Deutschland,
stehen stellvertretend für eine Vielzahl von Werken, die den Regenwurm als Leittier des Bodens
wissenschaftlich beschreiben oder huldigen. Bereits am 10. Oktober 1881 erschien das vielleicht
wegweisendste Buch über Regenwürmer: «Die Bildung der Ackererde durch die Thätigkeit der Würmer»

von Charles Darwin. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts galten Regenwürmer nämlich allgemein noch
als Schädlinge. Veranlasst zu diesem Buch hat Darwin ein Experiment auf einer direkt an seinem
Haus gelegenen Fläche, auf der Kreidestücke ausgeschüttet wurden. Nach 29 Jahren, vom Dezember
1842 bis zum November 1871, waren diese mit 20 cm Erde bedeckt. Diese Beobachtung brachte
Darwin zu dem Schluss,

«dass die Regenwürmer beim Begraben und Verbergen mehrerer römischer und anderer
Bauwerke in England eine ansehnliche Rolle gespielt haben …»
.

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Hierbei wird die eigentliche Leistung von Regenwürmern deutlich. Am Ende seine Betrachtungen fasste er mit folgenden Worten zusammen:

«Es ist wohl wunderbar, wenn wir uns überlegen, dass die ganze Masse des
oberflächlichen Humus durch die Körper der Regenwürmer hindurchgegangen ist und alle
paar Jahre wieder durch sie hindurchgehen wird. Der Pflug ist eine der allerältesten und
werthvollsten Erfindungen des Menschen; aber schon lange, ehe er existierte, wurde
das Land regelmäszig gepflügt und wird noch immer fortdauernd gepflügt. Man kann wohl
bezweifeln, ob es noch viele andere Tiere gibt, welche eine so bedeutende Rolle in der
Geschichte der Erde gespielt haben, wie diese niedrig organisierten Geschöpfe.»

Heute wissen wir sehr viel mehr über die Aufgaben, Lebensweise und die Bedeutung der Regenwürmer. Folgende Eigenschaften können wir den Regenwürmern unter anderem zuordnen:

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  • Durchmischung des Boden
  • Durchlüftung des Bodens
  • Drainierung des Bodens
  • Röhren für schnelle und tiefe Durchwurzelung des Bodens 
  • Lebendverbauung, vor allem durch wasserbeständige Krümel
  • Mineralisierung
  • Steuerung der Bodenbiologie
  • Humusaufbau
  • Biosynthese
  • Nährstoffrecycling und Transfer
  • Unterstützung der Schädlingsabwehr von Pflanzen 
  • Pathogenreduzierung (z.B. pilzliche oder bakterielle Schaderreger
  • Schadstoffentsorgung
  • Unterbindung von Bodenmüdigkeit
  • Herstellen der Selbstverträglichkeit von Pflanzen


Angesichts dieser fantastischen Gratis-Leistungen ist es nicht verwunderlich, dass viele Landwirte und Gärtner einen höchst möglichen Besatz an Individuen auf ihren Flächen anstreben. Wenn man alle Leistungen der Würmer, die wir heute kennen, zusammennimmt, dann erkennt man, dass die Regenwürmer alles Erdenkliche für ein optimales Pflanzenwachstum tun. Wen wundert das? Letztlich leben alle Wesen auf diesem Planeten direkt oder indirekt von den Pflanzen, so auch wir. 

Nun ist Regenwurm aber nicht gleich Regenwurm. Weltweit gibt es mehr als 7000 beschriebene Arten (davon 1600 genauer bekannt), in der Schweiz ca. 40 und jede einzelne hat so ihre arteigenen Eigenschaften und spezielle Lebens- und Ernährungsweise. In Mitteleuropa unterscheiden wir im Wesentlichen drei Lebensformtypen (vergl. Abb. 1):

epigäisch (in der Streu lebend), endogäisch (flachgrabend) und anözisch (tiefgrabend) lebende Arten. Ackerbaulich sind die letzten beiden Arten interessant.

 

 Gattung Art

 

Die Lebensweise der Regenwürmer kann ihnen durch die Art Landbewirtschaftung zum Verhängnis werden. Die Streubewohner finden nicht genug Streuauflage und somit findet man sie wohl kaum auf einem Acker. Die flachgrabenden Arten werden durch die Bodenbearbeitung dezimiert und die für den Ackerbau so wichtigen Tiefgräber (Tauwurm– Lumbricus terrestris) finden nach einer Bodenbearbeitung kaum und vor allem nach dem Einsatz vom Pflug im Herbst vor einer Sommerkultur keine Nahrung. Die aktivste Zeit sind die eher kühleren Monate, vor allem von Mitte September bis Mitte Juni. In dieser Zeit sollte nach Möglichkeit Bodenruhe und ein gutes Futterangebot organisiert werden. Da das aus ackerbaulichen Gründen (z.B. Fruchtfolge) nicht immer möglich ist, sollte zumindest auf eine tiefe und häufige Bodenbearbeitung weitestgehend verzichtet werden (weniger ist hier immer mehr). Flachgrabende Arten erholen sich recht schnell, da sie eine relativ hohe Vermehrungsrate (Regenwürmer sind Zwitter und können sich zur Not selbst befruchten) besitzen und Mineralboden fressen, aus dem sie ihre Nahrung beziehen (abgestorbenes, mikrobiell vorverdautes organisches Material), Futter ist hier also nicht unbedingt das Problem.

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Anders beim Tauwurm (L. terrestris), der auf Grund seiner Lebensweise auf ein Futterangebot an der Oberfläche angewiesen ist. Warum ist gerade der Tauwurm so wichtig (ohne die anderen Arten in ihrer Leistung schmälern zu wollen)? Es ist neben vielem anderem vor allem seine Art der Futteraufnahme auf der einen und seine vertikale Grabetätigkeit auf der anderen Seite. Bevor er organisches Material, wie z.B. Stroh, Stalldung, Pflanzenreste u.a. in seine Wohnröhre zieht, «weidet» er dieses regelrecht ab. Pilze (auch pathogene Pilze, die Ursache für verschiedene Pflanzenkranken sein können!), Bakterien und andere sogenannte Bodenhafter werden mit Vorliebe verspeist. Das hat die wunderbare Folge, dass dieses Material fast frei von krankmachenden Keimen ist. Wissenschaftliche Arbeiten zeigen eine Reduzierung bis zu 98% nach nur acht Wochen. Gleichzeitig «beimpft» er das Stroh mit Lombricin, einem Enzym, welches synthetisierenden Bakterienarten, wie z.B. Actinomyceten (können Lignin abbauen) fördert und gleichzeitig abbauende Arten, wie z.B. Fäulnisbakterien, hemmt. Dann erst, wenn dieses Wunderwerk vollbracht ist, zieht er das organische Material in den oberen Bereich seiner Wohnröhre, um es dort unter feuchten Bedingungen von Bakterien und Pilzen weiter vorverdauen zu lassen (Bild 1). Regenwürmer besitzen keine Zähne und sind deshalb auf die Vorarbeit anderer Organismen angewiesen. Jeder dieser tiefgrabenden Würmer gräbt in der Regel nur eine Röhre in seinem Leben mit einem Ausgang, in etwa 10% der Fälle wird auch ein zweiter angelegt.

 

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Anhand der zusammengezogenen Häufchen kann man den Tauwurm sehr leicht zählen (z.B. 40 Häufchen -10% = 36 Lumbricus terrestris). 40-80 von diesen genialen Tieren sollte man je m² haben. Da ihr Lebensalter zwischen 8 und 10 Jahren liegt und ihre Röhren etwa noch weitere 10–20 Jahre überdauern können, kann man etwa mit bis zu 200 Röhren/m² rechnen. Diese Röhren sind wichtig für die Infiltration von Wasser, für den Wurzeltiefgang der Pflanzen und den Gasaustausch bis in tiefe Bodenschichten.

Ein Landwirt, der einen Betrieb in der «Wische», einer tonhaltigen Elbaue mit allerschwierigsten Bodenbedingungen (schwerer Ton)
bewirtschaftet, hat in jahrelanger mühevoller Arbeit diese BödBFF MAGAZIN WrmerSkizze 2 Bearbeiteten auf pfluglos umgestellt. Seine wichtigsten Helfer waren dabei seine Regenwürmer. Im Frühsommer 2013 brach während einer gewaltigen Elbflut in der Nähe ein Deich und 95% seiner Ackerflächen standen sechs Wochen bis zu 2 m unter Wasser. Das war der sichere Tod für seine fleissigen Helfer. Nachdem sich das Wasser zurückzog und die Flächen wieder befahrbar waren, baute er als erste Massnahme Zwischenfrüchte an. Das Wunder – bereits im Herbst 2013 konnte er auf seinem Acker etwa 100 m vom Feldrand entfernt die ersten Regenwürmer bonitieren und mittlerweile hat er fast den alten Wurmbesatz. Das zeigt wie mobil und regenerationsfreudig Regenwürmer sein können. Unter feuchten, kühlen Bedingungen wandern diese lichtempfindlichen Tiere des nachts mehrere Meter weit und zeigen dabei manchmal auch ihre Kletterkünste. Regenwürmer in einer stehengelassenen Giesskanne, in einer Regentonne, im Swimmingpool oder gar in der Dachrinne sind Belege für ihre ungewöhnlichen Fähigkeiten.

 

Einer der bekanntesten Vertreter der Regenwürmer ist der Kompostwurm, Eisenia fetida, den man auch als Mist- oder Stinkwurm kennt. Die Angler schätzen ihn wegen seiner Agilität sehr und er lässt sich auch schnell und massenhaft zu Hause vermehren. Da er nicht sehr alt wird (etwa drei Jahre), hat er eine enorme Vermehrungsrate, so können zwei Würmer unter günstigen Bedingungen mehrere Hundert Nachkommen im Jahr produzieren. Anders als seine europäischen Artgenossen frisst er alles was ihm an anorganischem Material angeboten wird (Mist, Küchen- und Gartenabfälle, eben alles). Auch liebt er höhere Temperaturen und fühlt sich bei 25ºC und höher erst so richtig wohl. Dies Eigenschaften haben dazu geführt, dass es überall auf dieser Welt Kompostwurmfarmen gibt, das heisst, das der Kompostwurm regelrecht domestiziert wurde. Die grösste Farm dieser Art in Europa finden wir in Österreich.

 

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Immer wieder wird über die Selbstvrträglichkeit bestimmter Pflanzenarten diskutiert, meist gemeinsam mit dem Thema Bodenmüdigkeit. Ein besonders beeindruckendes Beispiel stellt der beliebte Spargel dar. Er ist für uns Menschen eine Delikatesse, für den Regenwurm allerdings eine Gefahr, wenn mit Folienabdeckung gearbeitet wird. Die hohe Kohlendioxidkonzentration unter der Folie macht ihm den Garaus. Baut man auf diesen Flächen wieder Spargel an, dann wächst er nicht, wird in der Regel bereits als Jungpflanze gelb und geht oft ein. Dr. W.H. Elmer von der Connecticut Agricultur Experiment Station in den USA machte ein bahnbrechendes Experiment. Er nahm einen derartigen Boden vom Spargelfeld, füllte eine Topfanlage mit diesem Boden und säte dort Spargel ein. In die Hälfte der Töpfe setzte er zusätzlich je vier erwachsene Regenwürmer. Der Spargel in den Töpfen mit den Würmern wuchs völlig normal und ungestört, wogegen der andere gelb vor sich hin miekerte. Ein Abstrich auf einer Petrischale zeigte den Grund, die «Wurmerde» zeigte eine deutlich grössere Besiedlungsdichte mit Actinomyceten, welche unter anderem den frischen Bodengeruch ausmachen (Geosmine), Schadstoffe und Lignin abbauen, Antibiose betreiben u.v.m.

 

2014 konnten Wissenschaftler der BOKU in Wien eher per Zufall einen Zusammenhang zwischen dem Befall von Blattläusen und dem Vorhandensein von Regenwürmern nachweisen. Blattläuse stehen demnach in funktioneller Beziehung zu Regenwürmern im Boden. Die Forscher sehen dabei auch einen Zusammenhang mit den Mykorrhizapilzen, wobei die Pflanze als eine Art Vermittler zwischen der Ober- und Unterwelt fungiert.

 

Fazit

Regenwürmer sind wahre Multitalente und können uns nicht nur viel Arbeit (z.B. Bodenbearbeitung) abnehmen, sondern sorgen für ein ungestörtes, gesundes Pflanzenwachstum. Das bedeutet, dass Landwirte und Gärtner auf der einen Seite weniger Stress haben und auf der anderen gesündere, gehaltvollere und schmackhaftere Lebensmittel produzieren können. Die Frage: «Ist in meinem Boden der Wurm drin?» sollte immer wieder aufs Neue gestellt werden.

 RwurmfrBauern 

RegenwurmGrtner

 Text von: Christoph Felgentreu Vorstandsmitglied – IG gesunder Boden e.V.